Formicarium
Hat man sich für eine Ameisenart entschieden, braucht man als Nächstes ein passendes Formicarium.
Damit ist im Grunde die komplette Haltungseinrichtung gemeint: also der Bereich, in dem die Ameisen nisten, laufen, fressen und sich entwickeln können.
Ein gutes Formicarium sollte immer zur jeweiligen Art passen. Nicht jede Ameisenart benötigt dieselbe Nestfeuchtigkeit, denselben Bodengrund, dieselbe Temperatur oder denselben Platzbedarf. Deshalb gilt auch hier: Erst die Art wählen, dann das Formicarium planen.
Nest und Arena
Grundsätzlich besteht ein Formicarium aus zwei Bereichen:
- Nestbereich
- Arena / Auslaufbereich
Im Nest lebt die Kolonie. Dort befinden sich Königin, Brut und ein Großteil der Arbeiterinnen.
Die Arena dient als Auslaufbereich. Hier wird Futter angeboten, Wasser bereitgestellt und häufig auch Abfall abgelegt.
Nest und Arena können entweder getrennt oder kombiniert angeboten werden.
Ich persönlich bevorzuge getrennte Systeme, da man dadurch flexibler bleibt. Das Nest kann gewechselt, erweitert oder anders befeuchtet werden, ohne direkt die komplette Arena umbauen zu müssen.
Es gibt allerdings auch Arten, bei denen eine klare Trennung schwieriger oder nicht sinnvoll ist. Dazu gehören zum Beispiel Arten, die eigene Nester aus Blättern, Kartonmaterial oder direkt im Auslaufbereich bauen.
Beispiele dafür sind:
- Oecophylla - echte Weberameisen
- Polyrhachis - unechte Weberameisen
- Crematogaster - je nach Art mit Kartonnestern
Eine besondere Rolle spielen außerdem Blattschneiderameisen. Bei ihnen wird häufig mit mehreren getrennten Bereichen gearbeitet: Pilzbereich, Frischfutterbereich und Abfallbereich. Futter- und Abfallbereich können dabei je nach Aufbau auch in einem gemeinsamen Becken liegen.
Die Arena
Die Arena ist der Auslaufbereich der Ameisen.
Hier können sie laufen, suchen, jagen, Futter aufnehmen und Abfall ablegen. Gleichzeitig ist die Arena der Bereich, den man als Halter besonders häufig sieht und gestaltet. Eine Arena kann sehr schlicht oder sehr natürlich eingerichtet sein.
Geeignet sind zum Beispiel:
- Sand-Lehm-Boden
- Steine
- Äste
- Rinde
- Laub
- Pflanzen
- kleine Tränken
- Futterstellen
Wichtig ist, nur Materialien zu verwenden, die für die Tiere unbedenklich sind. Dinge aus der Natur sollten frei von Pestiziden, Dünger oder anderen Schadstoffen sein.
Bei Kunststoffen sollte man darauf achten, dass sie keine bedenklichen Stoffe (Weichmacher) ausdünsten und für den Einsatz in der Haltung geeignet sind.
Ein wichtiger Punkt: Nutzt man grabfähigen Bodengrund, können viele Arten anfangen, direkt in der Arena zu nisten. Das ist für die Tiere meist kein Problem, für die Beobachtung aber eher ungünstig.
Das Nest
Das Nest ist der wichtigste Rückzugsort der Kolonie.
Hier befinden sich meist:
- Königin
- Eier
- Larven
- Puppen
- Ein großer Teil der Arbeiterinnen
- Vorrat bei manchen Arten
In der Natur nisten Ameisen je nach Art sehr unterschiedlich. Manche Arten leben im Boden, andere unter Steinen, in Holz, in hohlen Zweigen oder in selbstgebauten Kartonnestern.
In der Haltung versucht man, diese Bedingungen möglichst passend nachzubilden. Das perfekte Nest gibt es dabei nicht. Jede Nestart hat Vor- und Nachteile.
Das Nest muss abgedunkelt werden, damit die Ameisen nicht dauerhaft Stress ausgesetzt sind. Dies geht mit roter Folie, da Ameisen kein rotes Licht wahrnehmen können, oder einer lichtundurchlässigen Abdeckung.
Nestarten im Überblick
Glasfarm / Sand-Lehm-Farm
Eine klassische Glasfarm besteht aus zwei parallelen Scheiben, zwischen denen ein grabfähiges Substrat eingefüllt wird. Meist wird dafür eine Sand-Lehm-Mischung verwendet. Die Ameisen können darin selbstständig Gänge und Kammern anlegen.
Vorteile
- sehr natürliches Grabverhalten
- schöne Beobachtung des Nestbaus
- optisch interessant
- gut für Arten, die gerne selbst graben
Nachteile
- Feuchtigkeit schwerer zu kontrollieren
- beim Befeuchten besteht Überschwemmungsgefahr
- Gänge können einstürzen
- Sicht kann durch Erde, Kondenswasser oder Verschmutzung eingeschränkt werden
- Umzug oder Kontrolle der Kolonie ist schwieriger
Glasfarmen sind besonders spannend, wenn man den natürlichen Nestbau beobachten möchte. Für Anfänger können sie aber etwas anspruchsvoller sein, weil die richtige Feuchtigkeit nicht immer leicht zu treffen ist.
Gipsnest
Gipsnester lassen sich relativ einfach herstellen und bieten viele Gestaltungsmöglichkeiten. Die Kammern können frei modelliert oder gegossen werden. Durch Lehm oder natürliche Zuschläge lassen sich Gipsnester optisch sehr schön gestalten.
Vorteile
- gut selbst herstellbar
- schöne natürliche Optik möglich
- glatte Kammern und gute Einsicht
- günstig
- für viele Arten geeignet
Nachteile
- bei dauerhafter Feuchtigkeit schimmelanfälliger
- Belüftung oft begrenzt
- kann bei falscher Nutzung zu nass werden
- langfristig teilweise empfindlicher
Gasbetonnest / Ytongnest
Gasbeton, oft auch unter dem Markennamen Ytong bekannt, ist ein sehr beliebtes Material für selbstgebaute Ameisennester. Er lässt sich gut bearbeiten, kann Feuchtigkeit aufnehmen und ist durch seine Poren relativ gut belüftet.
Vorteile
- günstig
- gut zu bearbeiten
- gute Belüftung
- Feuchtigkeit lässt sich gut verteilen
- natürliche Gestaltung mit Lehm möglich
- geringe Schimmelneigung bei richtiger Nutzung
Nachteile
- offene Poren können problematisch sein
- Brut oder kleine Arbeiterinnen können in Poren geraten
- Oberfläche kann je nach Art angenagt oder verschmutzt werden
- optisch etwas roh, wenn nicht beschichtet
Ytongnester sind für viele Arten eine sehr brauchbare Lösung, besonders wenn man sie sauber gestaltet und die Kammern passend dimensioniert.
Gasbeton-Gips-Nest
Eine Kombination aus Gasbeton und Gips kann viele Vorteile beider Materialien verbinden. Der Gasbeton sorgt für Stabilität, Belüftung und Feuchtigkeitsspeicherung. Eine dünne Gipsschicht kann die Oberfläche glätten und verhindern, dass Brut oder Abfall in offene Poren fällt.
Vorteile
- gute Feuchtigkeitsverteilung
- bessere Belüftung als reine Gipsnester
- glattere Oberfläche als reiner Gasbeton
- natürliche Gestaltung möglich
- gut für viele Arten anpassbar
Nachteile
- etwas mehr Bauaufwand
- muss sauber verarbeitet werden
Meiner Meinung nach ist diese Kombination für viele selbstgebaute Nester eine der besten Varianten, weil sie sehr flexibel anpassbar ist. Sie verbindet viele Vorteile und merzt Nachteile aus.
Kunststoffnest / 3D-Druck-Nest
Kunststoffnester werden häufig aus Acryl, gefrästem Kunststoff oder per 3D-Druck hergestellt. Sie bieten vorgefertigte Kammern und Gänge, wodurch die Kolonie gut sichtbar bleibt.
Vorteile
- sehr gute Einsicht
- exakt planbar
- gut für trockener gehaltene Arten oder spezielle Setups
Nachteile
- wirkt oft unnatürlicher
- Feuchtigkeit kann problematisch sein
- Kondenswasser kann sich sammeln
- Belüftung muss gut durchdacht sein
- bei Acrylglas kann sich störende Elektrostatik aufbauen
- manche Arten nehmen solche Nester schlecht oder gar nicht an
Gerade bei selbst entworfenen 3D-Druck-Nestern sollte man besonders auf Belüftung, Feuchtigkeitszonen und Material achten. Ein Nest darf nicht nur gut aussehen, sondern muss auch ein stabiles Mikroklima bieten.
Meiner Meinung nach ist dies die schlechteste Nestform. Und das sage ich als 3D-Drucker Besitzer.
Gelfarm
Gelfarmen bestehen aus einem transparenten Behälter, der mit einem speziellen Gel gefüllt ist. Dieses Gel soll den Ameisen gleichzeitig als Grabsubstrat, Feuchtigkeitsquelle und Nahrung dienen.
Auf den ersten Blick wirken solche Farmen interessant, da man die Gänge gut sehen kann und kein zusätzliches Substrat benötigt wird. Für eine ernsthafte Ameisenhaltung sind Gelfarmen jedoch nicht empfehlenswert.
Das Gel entspricht keinem natürlichen Nestmaterial und bietet den Ameisen kaum Möglichkeiten, ein stabiles und artgerechtes Nestklima aufzubauen. Viele Arten können darin nicht sinnvoll leben oder entwickeln sich schlecht.
Zusätzlich enthalten diese Gele Zusätze, die Schimmelbildung verhindern sollen. Trotzdem beginnt das Gel früher oder später zu schimmeln oder sich zu zersetzen. Für Ameisen ist das problematisch und führt langfristig zum Verlust der Kolonie.
Nachteile
- unnatürlicher
- keine Regulierung der Klimabedingungen
- Schimmeldildung
- langfristig tödlich
Sonderfall Weberameisen und Kartonnester
Einige Ameisenarten benötigen kein klassisches, separat angebotenes Nest, da sie sich ihr Nest selbst im Auslaufbereich bauen. Dazu gehören zum Beispiel echte Weberameisen wie Oecophylla, unechte Weberameisen wie manche Polyrhachis-Arten, sowie kartonnestbauende Arten wie einige Crematogaster.
Bei diesen Arten steht weniger ein vorbereitetes Nest im Mittelpunkt, sondern eine ausreichend große und passend eingerichtete Arena. Dort können sie mit Blättern, Zweigen, Pflanzen oder geeignetem Material ihr eigenes Nest anlegen.
Weitere Becken sind bei solchen Arten zunächst nicht zwingend notwendig, können aber später sinnvoll sein, um mehr Platz, zusätzliche Futterbereiche oder bessere Strukturierung zu schaffen. Wichtig ist vor allem, dass die Arena groß genug ist, passende Befestigungsmöglichkeiten bietet und gut gegen Ausbruch gesichert ist.
Sonderfall Blattschneiderameisen
Blattschneiderameisen wie Atta und Acromyrmex stellen besondere Anforderungen an den Aufbau des Formicariums.
Kleine Kolonien können anfangs noch in einer einzelnen Arena gehalten werden, solange Pilz, Futter und Abfall klar kontrollierbar bleiben. Mit zunehmender Koloniegröße ist es jedoch sinnvoll, mehrere Bereiche voneinander zu trennen. Mindestens ein zusätzlicher Futterbereich und ein separater Abfallbereich sind später sehr empfehlenswert.
Typisch sind daher getrennte Bereiche für:
- Pilz / Nestbereich
- Futter
- Abfall
Je nach Größe und Aktivität der Kolonie können auch weitere Becken notwendig werden. Blattschneiderameisen wachsen teilweise sehr stark und benötigen langfristig deutlich mehr Platz als viele klassische Einsteigerarten. Eine gute Erweiterbarkeit des Systems sollte daher von Anfang an mitgedacht werden.
Ausbruchsschutz
Ein Formicarium muss zuverlässig verhindern, dass Ameisen entkommen. Das ist nicht nur wichtig, damit die eigene Kolonie nicht in der Wohnung unterwegs ist. Es verhindert auch, dass fremde Ameisen oder Spinnen von außen eindringen und die Kolonie angreifen. Das passiert häufiger als man denkt.
Ein guter Ausbruchsschutz besteht meist aus mehreren Ebenen:
- passender Deckel
- Ausbruchsschutz am oberen Rand
- gesicherte Schlauchanschlüsse
- sauber schließende Öffnungen
Auch bei heimischen Arten sollte ein Deckel genutzt werden. Als zusätzliche Barriere werden häufig Mittel wie Talkum oder Paraffinöl verwendet. Diese werden meist am oberen Innenrand oder an einem Arenarahmen angebracht.
Ein Arenarahmen ist besonders praktisch, da der Ausbruchsschutz an dessen Unterseite angebracht werden kann. Dadurch laufen die Ameisen nicht direkt am Deckel entlang und die Gefahr beim Öffnen sinkt.
Wichtig ist, den Ausbruchsschutz regelmäßig zu kontrollieren und bei Bedarf zu erneuern.
Startersets
Für den Einstieg gibt es fertige Startersets zu kaufen. Diese können praktisch sein, weil viele grundlegende Teile bereits enthalten sind.
Allerdings enthalten solche Sets nicht immer genau das, was zur gewählten Art passt. Teilweise ist unnötiges Zubehör dabei oder das Set ist für die tatsächliche Koloniegröße zu groß oder zu klein. Startersets sind also nicht grundsätzlich schlecht, aber man sollte sie nicht blind kaufen.
Wer etwas Geld sparen möchte, kann viele Teile selbst zusammenstellen oder bauen. Gerade einfache Arenen, Reagenzglasnester oder Ytongnester lassen sich mit wenig Aufwand selbst umsetzen.